Bild: Gottfried Michael Koenig © Rieneke Dijkstra

ZYKLUS 1: kontrapunkt: stimme und algorithmus

Samstag, 17. November 2018, 19:30 Uhr (Salzburg, Solitär)

Programm

Johannes OCKEGHEM (um 1420/25 – 1497)
Missa Prolationum (Auszüge)

Gottfried Michael KOENIG (*1926)
Funktion Grau für 4-Kanal-Tonband

Edgar VARÈSE (1883 – 1965)
Octandre

Bernd Alois ZIMMERMANN
Intercomunicazione per violoncello e pianoforte

Pause

Gottfried Michael KOENIG
Einwürfe (UA) für Ensemble
Auftragswerk des œnm, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung.

Johannes OCKEGHEM
Missa Prolationum (Auszüge)

Ekkehard WINDRICH (*1974)
Vermächtnis und Unvermörgen (UA)
nach Ockeghems „Missa Prolationum" für analoges Modularsystem

Iannis XENAKIS (1922 – 2001)
Rebonds B für Perkussion Solo

Mitwirkende

œnm . österreichisches ensemble für neue musik
SCOLA HEIDELBERG
Walter Nußbaum, Dirigent


Der Begrif Kontrapunkt weckt zuweilen Assoziationen einer lästigen Pflichtübung bemitleidenswerter KompositionsstudentInnen einer leer gewordenen, im Grunde längst abgestreiften Hülle der Tradition, ohne Bedeutung für all diejenigen, die sich das Neue auf die Fahnen geschrieben haben.

Das Eröfnungskonzert unserer zweiten Saison unternimmt die Gegenprobe: Inwieweit hat das zentrale Gestaltungsprinzip der europäischen Musikgeschichte auch heute noch Wirkmächtigkeit als entferntes Echo einer uns weitgehend unzugänglichen aber vielleicht gar nicht so grauen Vorzeit? Dabei spannt sich ein historischer Bogen von etwa 550 Jahren auf: von Johannes Ockeghem über vier der innovativsten Großmeister des 20. Jahrhunderts, bis hin zu zwei Urauführungen. Jeder dieser innovativen Geister hat den Kontrapunkt in jeweils eigener und markanter Weise gebrochen. Ob sie auch mit dem Kontrapunkt gebrochen oder ihn gerade dadurch aktualisiert haben, ist selbstredend schwer zu entscheiden. Sicher ist nur, dass es sich dabei um einen entscheidenden Punkt handelt.

Gottfried Michael Koenig, einer der bedeutendsten Pioniere der elektroakustischen und algorithmischen Musik, ist zweifach vertreten: zum einen mit der Urauführung von „Einwürfe", eines instrumentalen Ensemblestücks, zum anderen mit einem elektroakustischen Pionierwerk der 1960er Jahre. Koenigs Denken in musikalischen Algorithmen, weit entfernt von ungelenken Gehversuchen künstlicher Intelligenz unserer Tage, fußt auf musikalischen Prinzipien, die sich durch alle geschichtlichen Brüche hindurch erhalten haben. Der Zufall etwa, für algorithmische Musik höchst bedeutsam, wirkt auf den ersten Blick als dem Kontrapunkt gänzlich wesensfremd. Doch Zufallsprozesse ergeben nur dann Musik, wenn man sie kompositorisch sinnvoll einschränkt, und dieser Sinn ist meist kontrapunktischer Natur. Koenig befindet sich damit bei aller Eigenständigkeit in einer Entwicklungslinie für die Edgar Varèse die Weichen stellte und für die Iannis Xenakis ein hervorragender Repräsentant war.

Bernd Alois Zimmermann hingegen dürfte seine Rolle als großer und tragischer Einzelgänger der Nachkriegszeit gerade dem Umstand zu verdanken haben, dass seine Musik zwar weit in die Zukunft verwies, aber gleichzeitig mit außergewöhnlicher Intensität der Geschichte verpflichtet blieb.

Am Ausgangspunkt dieser Geschichte steht die mittelalterliche Vokalpolyphonie. Johannes Ockeghems „Missa Prolationum" aus dem 15. Jahrhundert mit ihren hochkomplexen Kanons darf dabei außerdem als früher Vorläufer algorithmischer Musik aufgefasst werden.

Eine elektroakustische Bearbeitung von Ockeghems Messe für analogen Modularsynthesizer versucht den Bruckenschlag über ein halbes Jahrtausend.