Bild: Alexander Moosbrugger © Katja Hiendlmayer

Zyklus 1: Schlechte Stimmung

Samstag, 11. November 2017, 19:30 Uhr (Salzburg, Universität Mozarteum, Solitär) - Tickets

Programm

Alexander MOOSBRUGGER / Thomas KESSLER
Alignement für 4-Kanal-Zuspielung

Wolfgang Amadeus MOZART
Gigue G-Dur KV 574 für Klavier Solo

Guillaume COSTELEY
Seigneur Dieu ta pitié
bearbeitet für Streichquartett, Bläser und MIDI-Klavier von Alexander Moosbrugger

Hossam MAHMOUD
Innehalten (UA) für Ney, Reqq und Ensemble
Auftragswerk des œnm

*Pause*

Karlheinz STOCKHAUSEN
KONTRA-PUNKTE für Ensemble

Marc SABAT / Wolfgang von SCHWEINITZ
Intonation for any (3) instruments, voices and/or computer sounds
nach Johann Sebastian Bach
Ricercar aus "Musikalisches Opfer"

Alexander MOOSBRUGGER
Schlechte Stimmung (UA) für Ensemble
Auftragswerk des œnm

Mitwirkende

œnm . österreichisches ensemble für neue musik
Johannes Kalitzke, Dirigent (KONTRA-PUNKTE)
Mohamed Fouda, Ney
Hany Bedeir, Reqq


So breit das Spektrum musikalischer Genres in unserem Kulturkreis auch sein mag, eine grundsätzliche Gemeinsamkeit scheint ganz selbstverständlich hingenommen zu werden: dass die Oktave in zwölf gleiche Tonabstände unterteilt wird. Erst in jüngerer Zeit gerät wieder ins Wanken, was für unser Musikverständnis lange, doch mitnichten schon immer die allgemeine Grundlage war. Denn keines der Intervalle, mit denen wir die Oktave unterteilen, kann für sich Naturgesetzlichkeit beanspruchen. Alle musikalischen Stimmungen sind folglich hochentwickelte Artefakte, die in anderen Kulturen ganz unterschiedliche Gestalt angenommen haben. Alles, was Musik auszudrücken vermag, bewegt sich letztlich in den strukturellen Grenzen ihrer Stimmung.

Inzwischen stellen sich Komponistinnen und Komponisten wieder dieselben Fragen, die erstmals zu Beginn der Neuzeit auftauchten, als die abendländische Mehrstimmigkeit erwachsen geworden war. In der Renaissance verschob sich das kompositorische Interesse weg vom linearen Denken der mittelalterlichen Meister hin zum harmonischen. Das neue kompositorische Bedürfnis, sich auf einer Klaviatur durch möglichst viele Tonarten zu bewegen, erforderte harte Kompromisse mit den Naturtonverhältnissen. So wurde unsere heutige Lösung der gleichstufigen Stimmung zwar schon bald gefunden. Man empfand sie jedoch seinerzeit als klanglich ausgesprochen unbefriedigend, schon weil in ihrer totalen Konsequenz alle Tonarten gleich klingen.

So blieb bis in die Schaffenszeit Mozarts hinein die musikalische Stimmung Gegenstand zahlloser Debatten und kühner Entwürfe. Bei ihm beginnen wir auch das Eröffnungskonzert unseres Ensemblezyklus, durch das uns der österreichische Komponist Alexander Moosbrugger führt. Werden wir schon von Mozart überrascht, wie deutlich sein harmonisches Verständnis sich von unseren Hörgewohnheiten unterscheidet, verfolgen wir anschließend den Entwicklungsweg unserer Stimmung zurück in die Renaissance. Für Guillaume Costeley und seine Zeitgenossen war nämlich schon die Unterteilung der Oktave in zwölf Töne keinesfalls selbstverständlich – warum nicht 19?

Marc Sabat und Wolfgang von Schweinitz haben durch ein komplexes Vorzeichensystem die Naturtonreihe kompositorisch verwendbar gemacht. Befreit von den Kompromissen der wohltemperierten Stimmung, treten die schroffen Modulationen von Bachs Ricercar aus dem Musikalischem Opfer offen zutage.

Hossam Mahmoud als Wanderer zwischen den Welten stellt mit der Uraufführung von Innehalten den engen Zusammenhang zwischen Stimmung und Komposition aus einem anderen Kulturkreis heraus dar. Karlheinz Stockhausen setzt dem wiederum die Kontra-Punkte entgegen: serielles Denken als abstraktes Kondensat der europäischen Mehrstimmigkeit.

Alexander Moosbrugger schließlich bündelt mit Schlechte Stimmung (UA) die geschichtlichen Betrachtungen zu einem spekulativen Blick nach vorne und zur Seite hin, auf subjektive wie gruppenspezifische Stimmungslagen unserer Zeit.

 

 

Mit freundlicher Unterstützung der Art Mentor Foundation Lucerne und in Kooperation mit der Universität Mozarteum.