Bild: Die Weber © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Sonntagskino: Die Weber

Sonntag, 19. Juni 2016, 17:00 Uhr (Universität Mozarteum, Solitär)

Programm

Johannes KALITZKE
Die Weber
Musikzyklus (2012) zum gleichnamigen Stummfilm von Friedrich Zelnik (1927) nach dem Drama "Die Weber" (1893/94) von Gerhart Hauptmann

Mitwirkende

œnm . österreichisches ensemble für neue musik
Collegium Novum Zürich
Johannes Kalitzke, Dirigent


GERHART HAUPTMANN: DIE WEBER
Gerhart Hauptmanns (1862 – 1946) Drama „Die Weber“ wurde 1892 veröffentlicht und 1893 in Berlin uraufgeführt. Thema ist der Aufstand der schlesischen Weber im Juni 1844 gegen Ausbeutung und unmenschliche Lebensbedingungen in Folge der Industrialisierung. Im Zentrum steht also das Schicksal einer Gruppe von Menschen, wobei Hauptmann eine ganze soziale Schicht zu Protagonisten des Stücks macht, um die sozialen und politischen Dimensionen des Konflikts zu verdeutlichen.

Sprache, Situationen und realistische „Volkstypen“ wurden damals als revolutionär aufgefasst. Die besondere Dramatik zieht das Stück aus seinen realen Vorbildern und den wahren Begebenheiten.

Wie die aktuelle Flüchtlingssituation und der Ausschreibungstext zeigen, hat die Thematik nichts von ihrer Brisanz verloren. Nachwievor ist die Überwindung von Grenzen die Voraussetzung für Veränderung, nachwievor steckt in jeder Krise auch ein Chance.

Das Ende des Dramas und dessen Aussage ist in Literaturfachkreisen umstritten. Die vermutlich zutreffendste Interpretation ist, dass Hauptmann mit seinem Werk nicht nur die Missstände aufzeigen, sondern auch zum Wiederaufleben der 1848 gescheiterten Revolution aufrufen wollte. Vater Hilse, der in seinem konservativen Geist alles beim Alten lassen wollte, wird erschossen. An ihm ist die Geschichte vorübergegangen.

FRIEDRICH ZELNIK: FILMVERSION
Friedrich Zelniks (1885-1950) Filmversion des Bühnenstücks ist eine werkgetreue Umsetzung des Dramas und gilt als eine der besten Hauptmann-Adaptionen der deutschen Filmgeschichte. Noch heute wirkt der Film, dessen Bildsprache stark von Eisenstein und Pudowkin beeinflusst ist, durch seine stimmige visuelle Gestaltung (in Zusammenarbeit mit George Grosz) und durch die Mitwirkung exzellenter Schauspieler wie Paul Wegener, Wilhelm Dieterle oder Arthur Kraussneck. Der Film wurde von der Friedrich-Murnau-Stiftung restauriert.

JOHANNES KALITZKE: DIE MUSIK
Wenn ein filmbegeisterter und zugleich politisch denkender Komponist wie Johannes Kalitzke (*1959) „Die Weber“ von 1927 neu vertont, packt die Neue Musik ihr reichhaltiges Instrumentarium aus und zeigt, wie sie in einen Film hineinführen kann und ihn zugleich aus seiner Historizität befreit.

Als Ausgangsmaterial dienen Johannes Kalitzke Elemente genretpyischer Musik wie Arbeiterlieder, Märsche und Volksmusik. Diese Elemente verarbeitet er zu einer komplexen Textur und aktiviert damit die Wahrnehmung des Films, denn die Musik funktioniert sowohl im assoziativen Fluss mit den Filmbildern, wie sie auch die subkutanen Konflikte musikalisch verarbeitet. Sie porträtiert nicht Personentypen, sondern Situationen und vor allem: deren allmähliche Verwandlung und Verzerrung in ihr Gegenteil und zeigt, wie aus Opfern Täter werden können. Damit durchstösst die Musik die Oberfläche der filmischen Erzählung und eröffnet einen neuen Erfahrungsraum, der die heutige Rezeption einbezieht.